Ulrike Rodust

Für Schleswig-Holstein in Europa

22. April 2016

Landwirtschaft/Veranstaltung
Glyphosat in aller Munde

Die Debat­te um eine erneu­te Zulas­sung des Pflan­zen­gifts Gly­pho­sat hat spä­tes­tens mit dem Nach­weis des umstrit­te­nen Pes­ti­zids in ver­schie­de­nen Bier­sor­ten eine brei­te­re Öffent­lich­keit erreicht. In der aktu­ell geführ­ten Dis­kus­si­on geht es nicht nur um die Bewer­tung unter­schied­li­cher Stu­di­en zur Fra­ge einer krebs­er­re­gen­den Wir­kung von Gly­pho­sat. Auch ande­re nega­ti­ve Ein­flüs­se auf Mensch und Umwelt gilt es zu berück­sich­ti­gen. Eben­so muss die Fra­ge nach den Aus­wir­kun­gen eines euro­päi­schen Ver­bots auf die Land­wirt­schaft gestellt wer­den: Was sind die Alter­na­ti­ven und wel­che Fol­gen hät­ten die­se?

Die­se und wei­te­re Fra­gen zu klä­ren war das Ziel einer Podi­ums­dis­kus­si­on mit mei­ner für Umwelt- und Ver­brau­cher­po­li­tik zustän­di­gen Frak­ti­ons­kol­le­gin Susan­ne Meli­or, zu der ich am Don­ners­tag nach Neu­müns­ter ein­ge­la­den habe. Zusam­men mit der agrar­po­li­ti­schen Spre­che­rin der SPD-Land­tags­frak­ti­on Kirs­ten Eick­hoff-Weber, der umwelt­po­li­ti­schen Spre­che­rin San­dra Red­mann und Wolf­gang Vogel vom SPD-Umwelt­fo­rum dis­ku­tier­ten dort etwa 50 Teil­neh­mer.

Gly­pho­sat ist der welt­weit am häu­figs­ten ein­ge­setz­te Wirk­stoff zur Unkraut­ver­nich­tung. In den frü­hen 70er Jah­ren von Mon­s­an­to als Her­bi­zid paten­tiert, kam Gly­pho­sat erst­mals 1974 als Wirk­stoff des Unkraut­ver­nich­tungs­mit­tels Roun­dup auf den Markt. Seit dem Aus­lau­fen des Patents im Jahr 2000 wird Gly­pho­sat von ver­schie­de­nen Unter­neh­men ver­trie­ben. Hun­der­te Pflan­zen­schutz­mit­tel die das Her­bi­zid beinhal­ten, sind auch in Euro­pa regis­triert und für die land­wirt­schaft­li­che Nut­zung zuge­las­sen.

Zunächst wur­de Gly­pho­sat in der Land­wirt­schaft nur genutzt, um die Fel­der vor der neu­en Aus­saat von Unkräu­tern zu befrei­en. Die gen­tech­ni­sche Ver­än­de­rung von Nutz­pflan­zen, die gegen Gly­pho­sat resis­tent sind macht es inzwi­schen aber mög­lich, Gly­pho­sat auch nach der Aus­saat und wäh­rend des gesam­ten spä­te­ren Wachs­tums die­ser Pflan­zen ein­zu­set­zen. So ist bei­spiels­wei­se ein Groß­teil des aus Bra­si­li­en impor­tier­ten Sojas gen­tech­nisch so ver­än­dert, dass er gly­pho­sat­re­sis­tent ist. Wel­che Kon­se­quen­zen ein aus einem Gly­pho­sat­ver­bot resul­tie­ren­der Ein­fuhr­stopp von die­sem Fut­ter­mit­tel hät­te wird deut­lich, wenn man sich die Abhän­gig­keit Euro­pas vom Import eiweiß­hal­ti­ger Pflan­zen vor Augen führt: So wur­den 2014 mehr als 36 Mil­lio­nen Ton­nen Soja in Euro­pa ein­ge­führt — 85 Pro­zent davon waren gen­tech­nisch ver­än­dert. Dem gegen­über ste­hen nur 1,8 Mil­lio­nen Ton­nen in Euro­pa selbst geern­te­tem Soja, also eine Selbst­ver­sor­gungs­quo­te von unter 5 Pro­zent. Auch die For­de­rung, die hei­mi­sche Pro­duk­ti­on an Fut­ter­mit­teln zu erhö­hen, bekommt also in der Gly­pho­sat-Dis­kus­si­on zusätz­li­che Bedeu­tung.

Immer wie­der wird vor den öko­lo­gi­schen, aber auch vor den gesund­heit­li­chen Fol­gen der über­mä­ßi­gen Gly­pho­sa­tan­wen­dung gewarnt. Laut WHO steht Gly­pho­sat im Ver­dacht krebs­er­re­gend zu sein. Die EU-Behör­de für Lebens­mit­tel­si­cher­heit (EFSA) teilt die­se Auf­fas­sung nicht. Sie hat des­halb in einem Gut­ach­ten grü­nes Licht für die Ver­län­ge­rung der im Juni 2016 aus­lau­fen­den Zulas­sung in der EU gege­ben. Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on, die unter Mit­wir­kung von Ver­tre­tern aller 28 EU-Mit­glied­staa­ten über die Wie­der­zu­las­sung des Wirk­stof­fes ent­schei­den muss, hat einen Vor­schlag vor­ge­legt, der eine Ver­län­ge­rung um 15 Jah­re vor­sieht. Die Regie­run­gen der EU-Mit­glieds­staa­ten konn­ten sie sich bis­her noch nicht auf eine Posi­ti­on fest­le­gen. Mit einer Eini­gung wird nicht vor Mit­te Mai gerech­net.

Das Euro­päi­sche Par­la­ment ist zwar an die­sem Ver­fah­ren nicht betei­ligt. Mit sei­ner im April abge­stimm­ten Reso­lu­ti­on hat es aber ein star­kes Signal an die EU-Kom­mis­si­on und die EU-Mit­glieds­staa­ten gesen­det, das Pflan­zen­gift nicht ohne Ein­schrän­kun­gen für wei­te­re 15 Jah­re zuzu­las­sen. Das Euro­pa­par­la­ment for­dert die EU-Kom­mis­si­on dazu auf, einen neu­en Vor­schlag für die Ver­wen­dung von Gly­pho­sat vor­zu­le­gen und die Indus­trie, alle zur Bewer­tung des Wirk­stoffs rele­van­ten Stu­di­en zu ver­öf­fent­li­chen. Zwar konn­te sich ein Stu­fen­plan zum Gly­pho­sat­aus­stieg nicht durch­set­zen, aller­dings sprach sich eine Mehr­heit des Euro­päi­schen Par­la­ments dafür aus, Gly­pho­sat nur für sie­ben statt für 15 Jah­re zuzu­las­sen. Für Pri­vat­an­wen­der und für den Ein­satz in öffent­li­chen Parks und Gär­ten sowie auf öffent­li­chen Spiel­plät­zen soll es ver­bo­ten wer­den. Eben­so lehnt es das Par­la­ment ab, Pflan­zen vor der Ern­te mit Gly­pho­sat abzu­tö­ten um die Rei­fung zu beschleu­ni­gen.

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